Studie der Woche: Zimbardos Studie zur Veränderung der Zeitperspektive

Manche von uns leben eher in der Vergangenheit, trauern vielleicht den ehemals guten Zeiten her oder spüren noch immer die seelischen Narben und Auswirkungen der als negativ erlebten eigenen Kindheit. Manche von uns schauen fast nur nach vorne, setzen sich ehrgeizige Ziele und haken diese ab - schon das nächste Ziel im Visier. Und manche, manche können jeden Moment genießen und leben ganz im Hier und Jetzt.

Beim Schmökern in einem meiner Lieblingsbücher "Die neue Psychologie der Zeit"* habe ich eine kleine, sogar schon ältere Studie** entdeckt, die endlich aufräumt mit dem Gedanken "so bin ich halt" - zumindest was die Zeitperspektive angeht. Im erwähnten gemeinsamen Buch schildern die Psychologieprofessoren Zimbardo und Boyd anschaulich, dass zu starke Orientierung auf Vergangenheit oder Zukunft unglücklich machen kann. Entweder leben wir unser Leben quasi mit Blick in den Rückspiegel und verpassen so das Meiste oder wir schauen nur in die Ferne und verpassen auch dann die kleinen Wunder um uns herum. Aber wie kann man das ändern?

Nun - laut Studie - mit einer guten Hypnose. Es wurden für den Versuch per Zufall mehrere Gruppen von Studenten gebildet, die unterschiedlich auf die eigentliche Messung vorbereitet wurden. Eine Gruppe wurde hypnotisiert. Ihnen wurde gesagt, dass die "Gegenwart expandiert und Vergangenheit und Zukunft verschwinden und unbedeutet werden". Den anderen Gruppen wurden andere Dinge gesagt und keine wurde hypnotisiert. Danach hörten die Studenten einen leicht obszönen Radiospot für einen Film, mussten ein Stück Ton bearbeiten und bekamen auch die Aufgaben einen psychologischen Test zu absolvieren (TAT). Tja und was passierte? Die Gruppe mit der "Gegenwartshypnose" war spielerischer, sie agierte in allen Belangen freier. So fertigte sie keine Gegenstände aus Ton an (wie die anderen Gruppen, die diese dann stolz dem Versuchsleiter zeigten) sondern sie spielten mit dem Ton, fühlten ihn und bei manchen ergaben sich daraus dann zufällig auch Objekte. In späteren Beschreibungen berichteten sie von einem Gefühl der Freiheit und von einem kreativen, leichten Prozess (ganz ohne Anstrengungen.) Auch lachten sie herzlicher über den obszönen Scherz (wo die anderen nur leicht lächelten) und wurden in ihrer Sprache,  ja sogar im Schreibstil freier. Selbst das Schriftbild veränderte sich.

Spannend oder? Viele lesen zur Zeit Bücher wie Eckhart Tolles "Jetzt!", um wieder mehr Kontakt mit dem Moment zu bekommen und mehr wahrzunehmen - um so vielleicht dem eigenen Hamsterrad zu entkommen. Wie schön zu hören, dass das möglich ist. Unsere Zeitperspektive ist angelernt, antrainiert - und kann genauso wieder verändert werden. Eine Hypnose hat für die Studie schnelle Ergebnisse erzielen können, aber genauso können wir uns neue Perspektiven antrainieren. Das dauert dann nur länger.  Ich jedenfall hab mich über die kleine Studie gefreut. Nichts muss so bleiben wie es ist - wer will, kann was ändern. Das ist immer schön zu lesen.

*Philip Zimbardo / John Boyd "Die neue Psychologie der Zeit" S. 142-143
**Zimbardo, P.G., Mrshall, Gl. und Maslach, C. "Librating Behavior from Time-obund Control: Expanding the Present through Hypnosis", Journal of Applied Social Psychology 1 (1971), S. 305- 323

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