Entspannt sein...von Kindern lernen

An manchen Tage überkommt mich eine hektische Betriebsamkeit, die ihres Gleichen sucht. Das habe ich hier schon mal gestanden. Da renne ich und räume ich, da quatsche ich und gestikuliere, da gibt es Aufgabenlisten für den Tag, die Woche....wenn es ganz wild kommt sogar für den Monat. Tja, und dann ist es plötzlich schon fast wieder Ende Januar und ich frage mich: Wo war denn nun schon wieder dieser erste Monate im Jahr?

Meinen Kindern geht es anders. Im Alter zwischen 4 und 18 scheint die Zeit langsamer zu vergehen. Sie stöhnen über Langeweile, haben Pläne und verschieben diese wieder, die meiste Zeit scheinen sie ziemlich entspannt. Und wenn ich mich recht erinnere, zum Beispiel an vertrödelte Osterferien mit Schokolade und Bücherstapeln neben dem Bett, dann weiß ich auch noch genau: Die Zeit verging viel langsamer. Manchmal fast quälend langsam (insbesondere das Schuljahr, weniger die Ferien). Und, noch viel wichtiger, ich war die meiste Zeit ganz schön entspannt. Nicht immer glücklich, aber das hatte andere Gründe (ER hat mich auf dem Schulhof heute nicht beachtet! Was ziehe ich heute nur an? usw.) Da das richtige Maß an Entspannung ja bekanntlich glücklich macht und vielen Erwachsenen fehlt, gilt der heutige Post der Frage: Was machen Kinder eigentlich anders?

Für Kinder vergeht die Zeit langsamer

Der Stanford Psychiater Frederick Melges erforschte in den 80er Jahren den Zusammenhang zwischen Zeitempfinden und psychischen Störungen. Unter anderem betrachtete er das persönliche Empfinden der Schnelligkeit des Verstreichens der Zeit. Das Ergebnis, dass Menschen, für die die Zeit sehr schnell verstreicht, das Gefühl haben alles auf einmal erledigen zu müssen...ach, ja das überrascht mich nicht. Allerdings neigen Menschen, für die die Zeit richtig langsam vergeht, zu dem Gefühl irgendwie in der Gegenwart "festzustecken". Für sie breitet sich oft eine gewisse Hoffnungslosigkeit aus, so nach dem Motto "Es wird nie besser werden". (Übertragen auf meine Kinder: Das Schuljahr endet nie...) Melges folgerte, dass die Hoffnungslosigkeit auf Grund negativer Gedankenspiralen auftauchte und sich die Menschen viel mit den schlechten Erlebnissen in ihrer Vergangenheit befassten und so nicht in der Lage waren ihre Zukunft zu fokussieren und sich Ziele zu setzen. Zu wenig Ziele und zu wenig Blick nach vorne macht also unglücklich. Bei Kindern kaum vorstellbar. Mein Vierjähriger plant im Januar bereits sehr ausdauernd seinen 5. Geburtstag (im Juni) - nun gut. Der Mittelweg scheint also der Richtige. Ziele, die uns antreiben und Muße zum Genuss der Gegenwart. Und, wie gesagt, mein Sohn macht mir das vor. Er hat Pläne: "Morgen gehen wir das Kostüm einkaufen" ist einer davon. Wenn er aber dann versonnen mit etwas spielt, dann macht er nur das. Nichts anderes. Keine Pläne, keine Ablenkung, kein innerer Dialog à la "ich müsste ja eigentlich...". Er genießt. Und ist  sehr entspannt. Achtsamkeit heißt das für die Erwachsenen und meint die Kunst, sich nur auf eine Sache zu konzentrieren. Und ich bemühe mich weiter darum: Kein Radio neben dem Kochen (manchmal). Kein Telefongespräch beim Aufräumen (na, kommt drauf an wer anruft). Manchmal schwer umzusetzen. Aber tatsächlich oft entspannter als das gelobte Multitasking...und die Zeit? Genau! Die vergeht auch langsamer.

Kinder kennen ihre Bedürfnisse

"Ich brauch jetzt erstmal eine Pause!". Mein mittler Sohn ist gnadenlos, wenn es darum geht seine Bedürfnisse zu postulieren. Eben die Schulsachen im Flur wegräumen? Nicht jetzt, bitte! Später gerne - aber halt später. Er weiß, wann was für ihn geht und wann nicht. Und schafft es (Pubertät sei dank) die dazugehörigen Spannungen auszuhalten. Wofür? Für das größere Ganze, hier: sein Wohlbefinden. Egoistisch? Mag sein. Aber davon eine Ecke abschneiden? Gute Idee! Wie oft erwische ich mich und viele meiner Lieben dabei "noch schnell..." etwas zu tun bevor sich ausgeruht wird, bevor Feierabend ist, bevor gegessen wird. Ich räume sogar vorm in-den-Urlaub-fliegen noch schnell hektisch auf, anstatt mich entspannt schon mal in der Vorfreude zu suhlen. Und na klar, es ist schön gut erholt wieder zu kommen und die ersten 5 Minuten (bevor die Koffer ausgepackt werden) eine ordentliche Wohnung willkommen zu heißen. Aber entlohnen diese 5 Minuten für die Hektik, die vorher entsteht? Bei anderen sind es weniger die kleinen Zwänge in den eigenen Vier Wänden sondern die Unfähigkeit dann Feierabend zu machen, wenn der Körper oder der Geist "Müüüüüde!" schreit. Da wird noch schnell die eine Mail an den Chef versandt, oder die Präsentation für den Termin nächste Woche fertig gestellt. Alles wichtige Dinge, die dafür sorgen dass wir die Anerkennung von anderen und vor allem von uns selbst bekommen, nach der wir lechzen. Die uns zeigen, dass wir unseren eigenen Anforderungen gerecht werden. Aber mit entspannt - sein hat das meist nur wenig zu tun. "Nur noch kurz die Welt retten" tolles Lied für genau dieses Phänomen. Meine Söhne haben das nicht. Sie haben Ziele und noch viel mehr haben sie ein gutes Gefühl dafür, was sie gerade brauchen. Zum Glück. Und ich bin gespannt: wie lange noch?

Kinder haben weniger Zwänge

Meine Kinder machen Sport und haben auch mal ein Instrument gelernt (der Kleine ist noch in der Vorstufe). Aber irgendwann, da haben sie Prioritäten gesetzt und ihren Stundenplan entschärft. Sie haben Stress und lange Schultage - ja das stimmt. Aber ansonsten können sie gut abschalten. Wir Erwachsenen tun das selten. Wir machen Karriere, wir entsprechen den glänzenden Rollenvorbildern, die wir sehen. Und manchmal wird es zuviel. Zu viele Ziele, zu viel "was zu heute kannst besorgen...". In "Die neue Psychologie der Zeit" wird eine Umfrage unter 4000 erfolgreichen Geschäftsleuten mittleren Alters zitiert. Ihr Leben sei leer, lautet das Fazit der Untersuchung. Ungeachtet ihres Erfolges (gesellschaftlich und sozial) bewerteten die Befragten ihr Leben als "Leer, unerfüllt und freudlos". Im Nachgang beschloss ein Teil von Ihnen, das Leben neu zu gestalten und sich mehr Zeit für Kinder, Partner und Freunde zu nehmen. Für einen Teil war zu spät. Sie hatten das Gefühl die "verlorene Zeit" nicht mehr wett machen zu können. Sie wollten sich entschuldigen, bei allen Menschen, die sie "zeitlich vernachlässigt hätten". Wie traurig. Natürlich geht es nicht allen von uns so. Es gibt einen Gegentrend, der mit dem Glück im Kleinen, mit Achtsamkeit und Muße wirbt. Da werden Bücher gelesen, es wird gestrickt oder der Schrebergarten bestellt. Auch meinen Söhne gestalten ihr Leben sehr nach ihren Bedürfnissen. Klar wird auch mal was vernachlässigt. Selten aber sind sie nicht im Einklang mit dem, was sie gerade wollen. Wann man verlernt man das? Wann lernen wir, so viele Listen zu machen, dass manche von uns im Burn out enden? Übrigens belegte eine weitere Studie aus New York aus dem Jahre 2003, dass Männer, die viele Ziele erreichen wollen und erfolgsgetrieben durchs Leben hetzen, deutlich weniger Sex haben als ihre Müßiggang genießenden Kollegen. Na, wenn das kein Grund ist mehr auf sich zu hören, liebe Herren, dann weiß ich auch nicht. Also weg mit den Zwängen: Noch erfolgreicher sein zu müssen, noch mehr Geld zu verdienen und noch mehr Statussymbole anzuhäufen. Denn Entspannung kommt so nicht auf.

So, das war es. Es ist Sonntag. Und ich überlege, was ich mit dem Resttag anfange. Ohne Zwänge (noch schnell bügeln, mit dem Kind an die frische Luft gehen) und ohne Ziele (endlich das Fachbuch zu Ende lesen) nur die Bedürfnisse (spazieren gehen wäre wirklich gut, auf der Couch lümmeln). Das müsste gehen. Wie sagte schon Russel: Zeit, deren Vergeudung man genießt, ist keine vergeudete Zeit. In diesem Sinne, einen schönen Sonntag!

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